Keine Ärzte in der Nähe, lange Wege zur Apotheke, gefährliche Kreuzungen und ein Bus, der nur alle 20 Minuten fährt – viele Anwohnende der Europacity kennen diese Probleme aus dem Alltag. Nach unserem Treffen auf dem Otto-Weidt-Platz hat Silke Gebel in Absprache mit mir deshalb eine schriftliche Anfrage mit dem Titel „Was macht der Senat für einen lebendigen Kiez und gute Versorgung für Anwohnende in der Europacity?“ an den Berliner Senat gestellt*.
Die Antworten sind nun da. Sie zeigen vor allem eines: Der Senat sieht kaum Handlungsbedarf.
Ärzte und Apotheken
Auf die Frage, ob es genügend Ärzte und Apotheken gibt, wurde eher ausweichend geantwortet. Über Ärzte im Gebiet rund um die Heidestraße lägen keine Daten vor. Zu Apotheken wurde darauf verwiesen, dass es beispielsweise welche am Hauptbahnhof oder an der Perleberger Straße gebe.
Der Senat schließt daraus:
Damit ist die Versorgung mit Arzneimitteln im „Quartier rund um die Heidestraße“ sichergestellt.
Auf die Tatsache, dass diese rund 20 Minuten Fußweg entfernt sind, wurde nicht eingegangen. Für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ist das schlicht nicht erreichbar.
Feuerwehreinfahrt
Anschließend ging es um die regelmäßig zugeparkte Einfahrt am Otto-Weidt-Platz. Laut Senat wurden dort „keine Verkehrsordnungswidrigkeiten des verbotswidrigen Haltens oder Parkens mit Behinderung eines Rettungsfahrzeuges festgestellt“. Offenbar hat sich die Polizei nach ihrem Einsatz den Papierkram gespart.
Unfallschwerpunkte
In der nächsten Frage ging es um die Unfallstatistik. Positiv ist, dass es in den Jahren 2023, 2024 und 2025 in der Europacity keine Unfälle mit Getöteten oder Schwerverletzten gab. Unfälle mit Leichtverletzten wurden in diesem Zeitraum 25-mal registriert.
Unter der Kategorie „alle übrigen Verkehrsunfälle“ wurden in den letzten drei Jahren etwa 360 Unfälle erfasst. Dabei zeigen sich zwei klare Unfallschwerpunkte: Zum einen die Minna-Cauer-Straße, wo der Tiergartentunnel beginnt bzw. endet und mehrere Straßen einmünden. Zum anderen die Kreuzung Heidestraße / Nordhafenbrücke, an der Fahrzeuge immer wieder quer über die Spuren rasen, um sich an der Rechtsabbiegerampel stauende Autos zu überholen – und dabei regelmäßig Radfahrende gefährden.
Welche Maßnahmen plant der Senat, um die Situation zu verbessern? Wird beispielsweise ein weiterer Blitzer am Otto-Weidt-Platz eingerichtet, wo viele Fußgänger die Heidestraße queren?
Antwort:
Derzeit sind keine Maßnahmen geplant.
Verbesserung des ÖPNV
Ist eine höhere Taktung, zusätzliche Linien oder neue Haltestellen vorgesehen?
Antworten:
Nein, es ist keine zusätzliche Buslinie geplant.
Eine Erhöhung der Taktung ist derzeit nicht vorgesehen, da bis 2030 zunächst das Gesamtangebot der BVG stabilisiert werden soll, bevor es weiter ausgebaut wird. Dies wird jedoch gleichzeitig geprüft.
Zudem wird darauf hingewiesen, dass es zahlreiche Bus- und Tramlinien gebe. Dabei wird jedoch unterschlagen, dass M5, M8 und M10 am Hauptbahnhof starten, der vom Otto-Weidt-Platz aus 15–20 Minuten zu Fuß entfernt ist – für viele Anwohnende also kaum eine Alternative.
Als Buslinien werden M27, 120, 123, 142 und 147 genannt. M27, 123 und 142 fahren durch den Lehrter Kiez bzw. die Perleberger Straße. Aufgrund der noch nicht gebauten Brücke sind diese Haltestellen für Anwohnende der Europacity kaum oder nur mit großem Umweg erreichbar. Die Linie 147 ist der bekannte, unzuverlässige Bus mit 20-Minuten-Takt. Der 120 fährt durch die Scharnhorststraße und ist neben dem 147er noch am besten erreichbar, verkehrt jedoch ebenfalls nur alle 20 Minuten.
Immerhin:
Zum Fahrplanwechsel 2025/26 am 14.12.2025 ist eine Anpassung der Fahrgastkapazitäten auf der Linie 147 vorgesehen. Der Fahrzeugeinsatz wird von 12-Meter-Eindeckerbussen auf 18-Meter-Gelenkbusse umgestellt. Dadurch kann die Fahrgastkapazität in der Spitzenstunde pro Richtung um ca. 40 % gesteigert werden.
Und wie steht es um den S-Bahnhof Perleberger Straße? Der müsste doch bald kommen, oder?
Der S-Bahnhof Perleberger Brücke befindet sich noch am Beginn der Planung, sodass ein genaues Inbetriebnahmedatum derzeit nicht bekannt ist. Ziel ist es, den S-Bahnhof im Zusammenhang mit der vollständigen Betriebsaufnahme des 1. Bauabschnitts der S21 in Betrieb zu nehmen.
Wenn in Berlin nicht einmal ein Datum genannt wird (das man später mehrfach verschieben könnte), habe ich vor meiner Rente wenig Hoffnung für dieses Projekt.
Parks und Grünanlagen
Wie bereits im letzten Artikel beschrieben, geht es um folgende Flächen:
Dazu die Antworten des Senats:
Auf der Westseite der Heidestraße wird der sogenannte Nordhafenplatz errichtet. Eine Einbeziehung von Anwohnenden ist nicht vorgesehen. Wann mit der Fertigstellung zu rechnen ist, kann derzeit nicht verlässlich mitgeteilt werden.
Auf der Ostseite der Heidestraße wird eine öffentliche Parkanlage mit Kinderspielplatz errichtet. Der städtebauliche Vertrag regelt, dass Berlin einen 3.300 m² großen Spielplatz realisiert. Die Umsetzung der Baumaßnahmen hat sich stark verzögert. Nach Klärung der offenen Punkte können die Bauleistungen 2026 ausgeschrieben werden. Voraussichtlich werden sich die Bauarbeiten bis 2027 erstrecken. Eine Einbeziehung von Anwohnenden ist nicht vorgesehen.
Das ist zumindest ein kleiner Lichtblick: 3.300 m² entsprechen etwa 50 × 60 Metern. Das ist nicht riesig, aber aktuell gibt es keinen öffentlichen Spielplatz – und es existiert immerhin ein grober Zeitplan.
Kultur
Auf die Frage nach geplanten Kulturangeboten folgte eine längere Liste bereits bestehender, teils eher randständiger Angebote. So wurde unter „Kunst am Bau“ eine Installation genannt, die im Treppenhaus der Grundschule am Nordhafen hängt, ebenso die Benennung des Otto-Weidt-Platzes als Erinnerungsort. Neben kleineren Einrichtungen wie dem Kunsthaus Mitte und der Galerie Olymp wurde auch der sehenswerte Hamburger Bahnhof aufgeführt. Zudem wurden die Europacity Vibes erwähnt, die tatsächlich interessante Angebote bereithalten, allerdings überwiegend im Bereich des Hauptbahnhofs stattfinden. Zudem handelt es sich um ein Angebot der CA Immo, dessen langfristige Perspektive unklar ist.
Weitere Maßnahmen sind nicht geplant.
Ein Anwohner wies mich darauf hin, dass auf der Website der Carl-Bechstein-Stiftung seit einiger Zeit vermerkt ist, dass das Projekt des Bechstein-Campus aktuell ruht – ohne Angabe von Gründen. Ich habe hierzu bereits bei der Stiftung angefragt und werde berichten.
Fazit
Wie so oft gibt es Licht und Schatten. Konkrete neue Maßnahmen sind kaum in Planung, vermutlich auch, weil Berlin sparen will oder muss. Stattdessen werden teils konstruiert wirkende Argumente herangezogen, um gegenüber den Anwohnenden zu erklären, warum angeblich alles in Ordnung sei.
(*) Stand heute scheint das Dokument S19 / 24478 noch nicht veröffentlicht.
